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Nachdenken über Pflege

Als Adelheid von Stösser 1983 begann Standards zu beschreiben, war es noch ziemlich unwahrscheinlich, damit irgendwann Geld verdienen zu können. So ging es ihr zunächst  nicht um den Verkauf von Standards, sondern um eine Verbesserung der Pflege durch Veränderung der Standards, der Rahmenbedingungen wie der Pflegeinhalte. "Sofern andere Leistungsbereiche von einer geplanten Änderung im Pflegeangebot oder Stationsablauf betroffen waren, bedurfte es entsprechender Absprachen. Denn wenn der Pflegedienst sein Programm ändern will, müssen alle davon betroffenen Dienste bereit sein, ebenfalls ihr Programm zu ändern, sonst ergeben sich hinterher neue Probleme. Folglich muss man die anderen zunächst einmal überzeugen, dass die geplante Änderung nicht zu letzt auch ihnen zu Gute kommt. Nicht durch Meckern oder Selbstmitleid, noch durch Forderungen oder Kritik lassen sich schlechte Arbeitsbedingungen ändern, sondern nur durch Konzepte, die nach allen Seiten hin durchdacht sind, so dass sie sich für alle Betroffenen vorteilhaft auswirken.", so ihre Überzeugung.

Da sich in den Kliniken und Krankenhäusern kein Arzt für den ganzen Menschen zuständig fühlt, sondern jeder nur sein Spezialgebiet abdeckt, wollte sie die Pflege in Richtung psychosozialer Aufgaben stärken. Insbesondere durch die Beschreibung von Standardpflegplänen, in denen Notwendigkeit, Art und Umfang psychosozialer Betreuung, je nach Problemstellung, genau definiert sind. Damit entwickelt man zugleich die Voraussetzung für eine Erweiterung des pflegerischen Leistungskatalogs, der sich, wie jeder weiß, auf die Grundversorgung des Körpers und die Durchführung ärztlich angeordneter Behandlungen beschränkt. Solange die Pflege nicht darlegen kann, warum sie im vorliegenden Falle andere Schwerpunkte setzt, was sie z.B. zu tun gedenkt bzw. getan hat, um den Kranken aus einer seelischen Krise zu holen und zu welchem Ergebnis ihre Bemühungen führten, wird man von einer ganzheitlichen Pflege nur träumen können. Kein Gesetz, kein Arzt, keine Kasse hat die Pflege auf das heutige Niveau reiner Sachleistungserbringer reduziert. An dieser Entwicklung ist alleine pflegerische Konzeptlosigkeit schuld. Statt ein nach allen Seiten hin durchdachtes Gesamtkonzept zu entwickeln, sieht die Pflege ihre Eigenständigkeit in der Durchsetzung einer eigenen Theorie. "Endlich können wir unser eigenes Ding machen in das uns kein Arzt reinreden kann", so eine der Begründungen mit der an Schulen für das Modell geworben wurde. Nachdem sehr viel Zeit und Gehirnschmalz in die Umsetzung dieser Ideologie gesteckt wurde, und die jüngere Generation Pflegender nichts anderes gelernt hat, als in ATL/AEDL .... Kategorien zu denken, bleibt inzwischen alles andere außen vor. Die einseitige Orientierung an besagtem Modell dürfte nicht nur eines der größten Hindernisse sein, das sich die Pflege in den Weg gestellt hat, sondern hierdurch unterstützt sie das symptomorientierte Gesundheitssystem und damit Abhängigkeitsverhältnisse unbeschreiblichen Ausmaßes.

Beispiel eines von Medizin und Pflege verursachten Sichtums. Seit Ende der neunziger Jahre  befasst sich Frau von Stösser mich mit der Frage nach den Ursachen für die Art und das Ausmaß der Pflegeabhängigkeit im Alter. Wie kommt es, dass die irdische Laufbahn für eine immer größere Zahl in geistiger Umnachtung und völliger Abhängigkeit endet? Selbst wenn man die vielzitierte demoskopische Entwicklung berücksichtigt, also den prozentual höheren Anteil älterer Menschen, bleibt die Frage nach dem unverhältnismäßig hohen Anstieg sog. Demenzfälle oder gerontopsychiatrischer Erscheinungsbilder. Ihre bisherigen Recherchen haben die Vermutung bestätigt, dass hier in den allermeisten Fällen ein direkter Zusammenhang zwischen Dauermedikation und typischen Persönlichkeitsstörungen vorliegt. Mehr denn je bin ich überzeugt, dass unser Gesundheitssystem chronische Krankheitsverlä

ufe und Pflegeabhängigkeiten in ungeahntem Ausmaße selbst erzeugt. Hauptursache ist die schon erwähnte Symptomorientierung, bei der nicht der Kranke als Person sondern seine Beschwerden, Laborwerte und andere Untersuchungsergebnisse im Vordergrund stehen. Anstatt zunächst alle natürlichen Hilfsmittel auszuschöpfen, wie z.B. eine gesündere Ernährung, greifen die meisten Ärzte bedenkenlos zum Rezeptblock und verordnen Medikamente zur Unterdrückung des Symptoms.

Da die Ursache damit nicht behoben wird und alle Medikamente auf Dauer schädliche Nebenwirkungen haben, benötigt der Patient irgendwann ein weiteres Medikament zur Unterdrückung der Nebenwirkungen. So nimmt der unselige Kreislauf seinen Lauf und endet immer öfter in völliger Wesensveränderung. Pflegende unterstützen solche Kreisläufe, indem sie die angeordneten Medikamente verabreichen und bei zunehmender Unruhe, Schlaflosigkeit, Verstopfung etc. den Arzt bitten, ein weiteres Medikament oder eine höhere Dosis zu verordnen. Sie suchen viel zu selt

en nach Alternativen und nutzen die ihnen zur Verfügung stehenden natürlichen Hilfemöglichkeiten nicht.

Aus ihrer Sicht müsste gerade die Pflegeforschung zu aller erst Ursachenforschung betreiben, also den Weg zurückverfolgen der in die Pflegeabhängigkeit führte und dabei nicht zuletzt den Einfluss herkömmlicher Pflege bedenken. Was macht es für einen Sinn, auf der einen Seite einen Dekubitus nach allen Regeln der Kunst verhindert oder geheilt zu haben, auf der anderen Seite aber Medikamente zu verabreichen, die letztlich viel schlimmeres Leid verursachen? Statt in hochtrabenden Theorien nach einem eigenständigen Profil zu suchen, hätten vor allem Kranke mehr davon, würde der hippokratische Grundsatz: Helfen oder wenigstens nicht Schaden, zur obersten Maxime erklärt.

Auf pflegewissenschaftlicher Ebene wurde in den ersten 20 Jahre  nichts substanziell nützliches  produziert. Mit den sogenannten Expertenstandards - werden mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben und einer unsinnigen Bürokratie vorschub geleistet.

Wer über seinen eigenen kleinen Bereich hinaussieh

t, wird Frau von Stösser zustimmen, dass die Forderung nach Qualitätssicherung im Gesundheitswesen, eine der sinnvollsten Entscheidungen war, die in den letzten Jahrzehnten auf politischer Ebene getroffen wurde.

Nur über den Weg regelmäßiger, (selbst) kritischer Auseinandersetzung mit Art und Ergebnis der geleisteten Arbeit, kann man langsam aber stetig bessere (heilsamere) Grundlagen und Inhalte entwickeln. Weder in irgendwelchen Theorien noch in Ideologien, liegt das Potential für eine Aufwertung der Pflege, sondern in der regelmäßigen Auseinandersetzung mit der Qualität von Leistung und Ergebnis. Jeder kann und sollte hierzu beitragen.

Qualität muss entwickelt werden, sie lässt sich nicht per

Gesetz oder Standardbeschreibung verordnen. Denn die Qualität einer Arbeit wird immer nur so gut oder so schlecht sein, wie sie die betreffenden Personen in der Lage sind, zu erbringen.

Nach einer gewissen Anfangseuphorie überwiegt inzwischen allgemeines Stöhnen angesichts der administrativen Mehrbelastung, die mit den bisherigen Qualitätssicherungsbemühungen einhergehen. Was liegt da näher, als auf die Politiker zu schimpfen, die ja keine Ahnung haben was in der Praxis abgeht. Doch diejenigen, denen die eigentliche Schelte gebührt, sind die führenden Köpfe in diversen Gremien, Pflegeverbänden und Schulen. Nicht die Politiker haben festgelegt, nach welchem Modus dokumentiert werden soll, sondern das waren Pflegeexperten. Und diesen ist leider nichts besseres eingefallen, als einer Dokumentation im Stil doppelter Buchführung das Wort zu reden. Wer sich da einen raschen Überblick über die Situation eines Patienten/Bewohners verschaffen will, hat schlechte Karten. Ohne eine spezifische Einweisung in das jeweilige Verfahren blickt keine neue Pflegekraft durch. "Mein früher häufig verwendetes Argument, dass die Einarbeitung neuer Mitarbeiter durch eine ausführlichere Patientendokumentation erleichtert würde, hat sich eher ins Gegenteil verkehrt. Genau diese Entwicklung, den heutigen Bürokratismus, hoffte ich verhindern zu können." Doch da sich die Ideologen und Bürokraten durchsetzten, hat sich der Dokumentationsaufwand in den letzten Jahren, trotz EDV-Unterstützung, vervielfacht, und dies, ohne dass die Pflegenden oder Patienten/Bewohner hierdurch nennenswerte Vorteile hätten. Nicht zuletzt aus diesem Grunde nimmt die Unzufriedenheit unter den Pflegenden wieder zu, und irgendwann wohl auch die Bereitschaft, das bestehende Dokumentationsverfahren in Frage zu stellen. Früher oder später wird man sich von der zwanghaften Vorstellung, einer Theorie genügen zu müssen, lösen, und dann vielleicht Qualitätsentwicklung (Standardentwicklung) im eigentlichen Sinne betreiben.

So gesehen sind die hier vorgestellten Qualitätsstandards in der Pflege, ihrer Zeit um Jahre voraus. Sie sind keine Modeerscheinung, sondern Qualitätsmaßstäbe zur Gewährleistung angemessener Pflege, die heute wie morgen Gültigkeit besitzen. Angemessen ist die Pflege immer dann, wenn sich die Situation des Kranken durch pflegerische Maßnahmen verbessert oder wenigstens nicht verschlechtert.

Theorie hin, Theorie her: Mehr kann Pflege nicht leisten !

Adelheid von Stösser, 2002

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